Ja, du hast richtig gelesen!
Sorgen, Ängste, Wut, Ärger, Zweifel – keiner will sie haben. Als Führungskraft erst recht nicht. Im Meeting zeigt man keine Schwäche, im Alltag verdrängt man, was unangenehm ist. Und ahnt dabei längst: Das kann keine gute Idee sein.
Betrachten wir negative Emotionen nicht als Störfaktor – sondern als Signal. Meine Überzeugung ist: Wer sie beachtet und richtig liest, kann sie in echte Kraft verwandeln. Deshalb brauchen wir negative Emotionen.
Was die Forschung zeigt – und uns überrascht
Eine Studie hat mich damals wirklich verblüfft: Studenten wurden gebeten, sich entweder positiv oder realistisch-kritisch vorzustellen, wie ihr Einstieg in den Beruf nach dem Studium verlaufen würde. Zwei Jahre später wurden sie noch einmal befragt.
Das Ergebnis: Je rosiger die Vorstellung, desto schlechter war der tatsächliche Einstieg. Weniger Bewerbungen. Sehr wenige Gespräche. Weniger Gehalt. Das reine Imaginieren einer schönen Zukunft hatte sie eingelullt – und sie passiv gemacht. Wer dagegen auch mögliche Stolpersteine im Blick hatte, der war deutlich aktiver.
Mehrere Studien zeigen ähnliche Ergebnisse: Wer Hindernisse einkalkuliert und auch daran denkt, was schiefgehen könnte, hat mehr Energie und kommt besser durch Rückschläge. Dinge rein optimistisch anzugehen, ist nicht die beste Wahl. Wir brauchen also negative Emotionen wie Ängste.
Als Führungskraft kennst du das. Die besten Entscheidungen entstehen aus realistischen Einschätzungen.
Was passiert, wenn wir unangenehme Emotionen wegschieben
Stell dir vor, du drückst einen Ball unter Wasser. Je tiefer, desto höher schießt er raus – sobald du ihn lässt. Er bleibt nicht unten. Nie.
Genauso ist es mit unterdrückten Emotionen. Sie gehen in den Untergrund. Eine chronische Erkrankung, Burnout oder plötzliche emotionale Ausbrüche im ungünstigsten Moment – das ist der Preis. Gerade Menschen in Verantwortung erleben das oft schmerzhaft.
Der Ausweg: Verwandeln statt kämpfen
Der eleganteste Weg ist nicht, sie zu unterdrücken, sondern sie zu verwandeln. Nicht wegdrücken, was sich unangenehm anfühlt, sondern fragen, was darin steckt. Und es dann nutzen.
Nicht im Ärger festhängen, sondern sich fragen:
- Was steckt eigentlich dahinter?
- Und was will mir dieses Gefühl sagen?
Im besten Fall wird aus Angst freudige Aufregung.
Aus Zweifel ein kluger Plan.
Gelingt mir das immer? Natürlich nicht. Aber es gibt Momente, in denen es in meinem Kopf Klick macht – und nach ein paar tiefen Atemzügen kann ich umsteuern.
Diese drei Strategien helfen mir dabei immer wieder.
1. Den Rahmen verändern
Ein Pastagericht zuhause oder im stimmungsvollen Restaurant – dasselbe Gericht, ein völlig anderes Erlebnis. So kannst du auch deinen Emotionen einen anderen „Rahmen“ geben und dein Erleben verändern.
Die Angst vor der Präsentation vor dem Management Board? Das ist auch freudige Erregung. Der Job, der dir keine Perspektive bietet? Das ist auch ein wertvolles Lernfeld – für das, was du nicht mehr willst und um herauszufinden, wo du hinwillst.
Nicht jede Situation ist wählbar. Doch du kannst wählen, wie du eine Situation betrachtest. Das ist keine Selbsttäuschung – das ist Souveränität.
2. Wie ein Vogel von oben schauen
Stell dir vor, du bist nicht Teil des Geschehens. Du schaust von oben drauf – wie ein Vogel, der den Überblick hat.
Was passiert gerade wirklich? Wer agiert aktiv? Wer ist noch zurückhaltend? Welche Ideen werden verfolgt? Was wird nicht gesagt, was nicht getan? Wo liegen die eigentlichen Grenzen der Situation?
Du gewinnst Abstand. Und mit dem Abstand kommen Lösungsideen, die du aus dem Mittendrin heraus einfach nicht siehst und gar nicht sehen kannst.
3. Innerlich auf Distanz gehen
Unser Gehirn bewertet alles – sofort und automatisch. Manchmal haben uns Emotionen schon fest im Griff, bevor wir überhaupt bewusst gedacht haben.
Diese Übung hilft: Werde zur Erforscherin deiner eigenen Reaktion. Du ärgerst dich – gut. Dann beobachte: Wie verändert sich dein Atem? Wo spürst du Anspannungen im Körper? Wie ist dein Gesichtsausdruck? Was genau ist der Trigger?
Einfach beobachten, ohne zu bewerten. Ohne sofort etwas ändern zu wollen. Das ist gar nicht so leicht – besonders für Menschen, die es gewohnt sind, Dinge in die Hand zu nehmen. Aber genau das ist der Durchbruch: Du kennst deine Triggerpunkte besser – und bist deinen Impulsen nicht mehr ohnmächtig ausgeliefert.
Negative Emotionen sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind Hinweise. Wegweiser. Energie in Rohform.
Souverän sein heißt nicht, keine Emotionen zu haben
Echte Stärke bedeutet nicht, keine Emotionen zu haben. Sie bedeutet, schwierige Gefühle wahrzunehmen, sie zu verstehen – und dann bewusst zu handeln, statt von ihnen gesteuert zu werden.
Führungskräfte, die das beherrschen, führen klarer, authentischer – und bleiben auch unter Druck handlungsfähig. Das ist keine Frage von Talent. Das kannst du üben. So vergrößerst du den Raum zwischen dem Auslöser deiner Emotion und deiner Reaktion – und genau dort kannst du frei entscheiden, wie du handelst.
Souveränität, Resilienz und Self Care sind keine Luxusthemen für ruhigere Zeiten. Sie sind das Fundament für tragfähige Führung.
Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum.
Viktor Frankl
In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion.
In unserer Reaktion liegten unser Wachstum und unsere Freiheit.